Geschmackloser Wackelpudding

Guten Morgen! Es ist Samstag. Ich bin zur gewohnten Uhrzeit wach - was mit Sicherheit auch daran liegt, dass ich gestern schon sehr früh während meiner Serie eingeschlafen bin. Alles ist noch ruhig im Haus und ich beschließe aufzustehen, mich in meinen Lieblingssessel zu setzen, eine Tasse Kaffee zu trinken (einen wasserlöslichen - der Alptraum meines Mannes. Gut das er noch schläft!)  und meine Gedanken schweifen zulassen. Das tue ich auch - und lande nach kurzer Zeit bei der letzten nicht zu Ende geschauten Episode meiner Serie und will unbedingt wissen wie sie ausgeht.

6:43 - Kaffee, Netflix an.

9 Minuten später sitze ich in Tränen aufgelöst im Sessel.  

Es ist eigentlich eine sehr simple Kriminal-Serie, die nur in einem Verhörraum spielt und am Kaffee-Automaten. 

Der Hauptplot ist die Befragung des Verdächtigen im Verhörraum und der Versuch ihn endlich zum Reden zu bringen. Doch "mein" persönlicher Hauptplot sind 2 Kollegen, die sich nicht wirklich grün sind. Sie haben sich ein Bild von einander gemacht und eine bestimmte Meinung über den anderen gebildet. Das war sofort klar.  Zusammengezimmert aus subjektiven und vielleicht auch objektiven, aber immer interpretierten Wahrnehmungen. Im Laufe der Folge werden die gesammelten Beurteilungs-Indizien durch eine Situation völlig durcheinander gewirbelt, so dass die Kollegen fast gezwungen sind sich gegenseitig mit anderen Augen zu sehen. Es ergibt sich ein neues Bild. Es nahm also eine mindestens genauso erstaunliche Wendung wie die Aufklärung des Mordes.

Szenenwechsel. In den letzten 2 Wochen hatte ich das Vergnügen an - positiv ausgedrückt - leidenschaftlichen Diskussionen teilzuhaben, die harmlos anfingen und dann ans "Eingemachte" gingen. Eine startete beim Thema "vegan" und uferte aus..... 

Leute die mich kennen wissen, dass ich mir gerne und viele Gedanken mache - manchmal auch zu viele. :-)  Mich belebt es grundsätzlich, einer Sache auf den Grund zu gehen. Nehmen wir einfach mal das Beispiel "vegan". Klingt erstmal  harmlos und nach einer hippen Ernährungsweise. Doch schwupp die wupp -  ohne es gewollt zu haben landet man beim Menschenbild. Jemand sagte: Tiere töten ist faschistisch. Bums. Da haben wir es. Und was ist jetzt mit mir? Damit sagt derjenige, dass ich ein Faschist bin. Der Hammer fällt. Case closed. Ich esse Fleisch. Bewusst und wenig, ja, aber tot sind die Tiere trotzdem. Vielleicht meint der andere auch nur, dass Fleisch essen faschistisch ist und nicht das ich ein Faschist bin. Ein kleiner aber feiner Unterschied. Aber ich merke, dass ich schlecht damit umgehen kann, dass jemand dieses Bild von mir hat. Wer will schon gerne als faschistisch gelten. Und was nun? Ich glaube ich mache jetzt von dem Recht auf einen Anwalt Gebrauch. Was für ein Schlamassel. Denn ich befinde mich mitten in lebenselementaren Themen, die explosiven Zündstoff haben. Und je nachdem wie dann diskutiert wird, hat das die absolute Macht unüberwindbare Keile zwischen Menschen zu treiben. Es geht darum, wer "recht" hat. Und wenn einer recht hat, hätte das Folgen. Denn es geht um die "Wahrheit". Ohne Wahrheit kein Recht.  Und beides ist ganz eng mit der eigenen Identität verbunden. Wir befinden uns in der Postmoderne in der man davon ausgeht, dass es deine und meine Wahrheit gibt. Wahrheiten. Das klingt erstmal befreiend, doch in solchen Gesprächen stelle ich immer wieder fest, dass es, wenn es um grundlegende Lebensfragen geht, dann doch nicht gilt und nicht konsequent gelebt wird. Zumindest nicht auf allen Seiten. Es scheint nicht durchführbar zu sein. Mir macht es Angst, dass es nicht "die" Wahrheit geben soll. Es fühlt sich für mich an wie ein Leben in Wackelpudding ohne Geschmack. Damit meine ich nicht, dass ICH die Wahrheit gefunden habe und ICH Bescheid weiß. Was mir Kopfzerbrechen bereitet ist die Hitzigkeit und die Unterstellungen, die in solchen Diskussionen auf den Tisch kommen - und dabei ausser acht gelassen wird, dass der Mensch, der vor mir sitzt, seine eigene Geschichte, seine eigenen Kämpfe, Lasten, Prägungen, ... hat. Das, worüber gesprochen wird umfasst sein ganzes Leben und trifft einen elementaren Kern. Ja, das Gegenüber könnte recht haben - aber glauben wir wirklich das ein hitziges Gespräch dazu führen kann und sollte, die Grundüberzeugung des anderes zu ändern? Und warum will man das überhaupt? Die Grundüberzeugung ändern? Jetzt mal ernsthaft! Was ist das Motiv? 

Ich diskutiere gerne, auch"heftig"  - doch eigentlich möchte ich das nur tun, wenn den Streitenden bewusst ist, dass jeder um die Wahrheit ringt. Und wenn das Motiv ein gemeinsames Ringen ist - und nicht ein sich gegenseitiges "platt" machen. Wenn ich den Eindruck habe, es wird be- oder verurteilt, dann gibt es bei mir folgende Tendenzen: ich möchte unbedingt wieder "Friede-Freude-Eierkuchen" haben (Weltfrieden hätte ich übrigens auch gerne), ich habe Angst vor Ablehnung (aber ich lerne, dass mich nicht jeder mögen muss) und es regt sich in mir ein unbändiges Gefühl, dass das, was hier gerade passiert - unabhängig von dem Thema an sich - nicht richtig ist. Das wie kommt mir falsch, arrogant und schräg vor. Ein Bauchgefühl wie im Verhörraum macht sich breit. Irgendwas stimmt da an der Geschichte nicht...

Manche wissen, dass ich eine Seelsorge-Ausbildung gemacht habe. Eine Sache aus dieser Zeit ist mir sehr hängengeblieben. Der Leiter sagte etwa folgendes: "Glaubt bloß nicht, dass ihr den anderen verstanden habt und ihr wisst was los ist. Ihr habt niemals das ganze Bild. Und darüber urteilen könnt ihr erst recht nicht." Da hat er recht. Und ich habe das in der Seelsorge vielfach erlebt. Der Ratsuchende erzählt, ich zimmer mir fluffig und logisch alles zusammen, weiß sofort, was das Problem - um dann einige Fragen später zu merken, dass ich gar nichts weiss. ;-) Das erlebe ich auch in meiner Ehe, mit meinen Kindern, Freunden, ....  

Eine Frage die mir sehr wichtig geworden ist und mir oft als gute Lebens-Leitplanke dient ist folgende: "Was dient dem anderen?" 

Da wäre zum Beispiel: Fragen stellen, um den anderen zu verstehen und nicht davon ausgehen ihn verstanden zu haben. Das ist oft eine gute Sache. Es überwindet Kluften und klärt - auf beiden Seiten. Und kann auch dazu führen, dass einer seine Meinung ändert. Muss aber nicht. Aber es baut Brücken und ermöglicht dem anderen einen "Seitenwechsel", während Angriffe und aufgebaute Fronten ein "Überlaufen" fast unmöglich machen, da man unweigerlich entweder zurück schießt, sich tief im Graben versteckt oder die Flucht ergreift. By the way: Beim Zurückschießen geht es oft weniger um das Thema als um die Art wie man miteinander umgeht und die persönlichen Verletzungen, die entstanden sind. Eine blutige Angelegenheit...

Was mich an der Episode der Serie so angerührt hat ist der Mut seine Schlussfolgerungen, sein Urteil über den Haufen zu werfen. Wenn so etwas passiert empfinde ich das als unverdiente Gnade, aber eine gute, demütige Haltung dem anderen gegenüber kann auch hilfreich sein. Wahrheit und Gnade. Ein Traumpaar. Eins ohne das andere geht nicht. Ohne Wahrheit und Gnade werden wir uns nicht durch schwierige Gewässer manövrieren können und kentern. Die Beziehungen werden kentern.... I don`t want that. 

Mir steht ein abschließendes Urteil über andere nicht zu - was nicht heißt, dass ich keine Meinung habe! Aber so schlau wie ich immer denke bin ich dann doch nicht - trotz Abitur und großem Latinum (das musste jetzt einfach mal gesagt werden :-) ). Und ich möchte so schlau sein, das immer im Kopf zu haben.

 

 

Wünsche euch einen fluffigen Tag!

 

Katelin

 

P.S. Ratet mal was das Thema meines neuesten Songs ist? 

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Arne Kopfermann (Mittwoch, 02 Oktober 2019 17:33)

    Da kommt mir doch gleich Vieles bekannt vor. Gut gebrüllt, Löwin ...