Ich weiß nicht, was ich wollen soll

Ich stehe vor den Regalen. Auf meinem Einkaufszettel steht "Erdbeermarmelade". Ok. Das kann nicht so schwer sein. Ist es auch nicht - ganz im Gegenteil. Meine Hand greift zu dem ... Halt! Da gibt es noch eine andere Sorte in einem schöneren Glas. Ist die teurer? Ah, die hat keine Stücke. Oh, da gibt es noch welche mit reduziertem Zucker. Die hat aber Stücke... Fairtrade...

 

20 Minuten später. Ich telefoniere mit meinem Mann und frage ihn welche  Erdbeermarmelade er denn will. "Erdbeermarmelade halt." Jetzt muss ich ihn erstmal aufklären, dass Erdbeermarmelade nicht gleich Erdbeermarmelade ist und wir uns vielleicht am besten heute Abend mal zusammensetzen, um zu entscheiden, welche Kriterien unsere Erdbeermarmelade erfüllen soll.  Vielleicht bei einem schönen Glas Wein. Weiß oder rot? Trocken oder halbtrocken? Spanien, Italien, Deutschland....? Oder einfach für diese schwierige Entscheidung nüchtern bleiben und Tee trinken? Tonic ohne Gin? Denn ich habe gelesen, dass Alkohol neben Tabak und Asbest zu der Gruppe 1 der Karzinogene gehört. Nicht lustig. 

Ich schreibe meinem Mann. Er möchte lieber einen Smoothie. - Ganz falsch. Ja, Obst ist da drin, vielleicht sogar ein Blatt Grünkohl (grüne Smoothies sind besser als die anderen). Aber ich habe gelesen, dass diese Schlabberflüssigkeit sofort und nicht langsam den Körper mit Fruchtzucker überschwemmt wie ein Tsunami (Nachzulesen: "Die bittere Wahrheit über Zucker"). Ganz schlecht. Ich greife nach einem Apfel und fühle mich sofort besser. Bis ich sehe, dass er aus Frankreich kommt.... Bin ich überhaupt in der Bio-Abteilung?

 

KOMM ICH HIER JEMALS WIEDER RAUS???

 

Stop. Jetzt mal ehrlich. Mit geht es wirklich oft so. Das Leben erscheint mit manchmal in den alltäglichsten Handlungen wie eine Wissenschaft. Und ich soll Experte in allem sein. Bin ich aber nicht. 

Nun mag das in Bereichen wie Erdbeermarmelade noch recht amüsant klingen. Aber die Entscheidungsthematik zieht sich in alle Lebensbereiche. Auch in die wirklich wichtigen. Und Wissen steht uns unbegrenzt zur Verfügung. Ich kann mich ja informieren. Treffe ich eine falsche Entscheidung muss ich die Konsequenzen tragen. Ich bin schuld! Damn it! 

Ich habe Lehramt Musik studiert und meine erstes Staatsexamen erfolgreich bestanden. Danach habe ich Gesang in Arnheim studiert. Seit dem bin ich als selbstständige Musikerin tätig. In den letzten 2 Jahren flatterten mehrere Angebote wie zufällig in mein Haus an der Schule anzufangen und meine Rente in den sicheren Hafen zu bringen. Poah. Auf einem Silbertablett serviert. Eine Gehirnexplosion. Sowas macht mich wahnsinnig - Alex (mein Mann) würde jetzt gequält lächeln und nicken. Meine Freundin Katha ist Sozialarbeiterin und Musikerin. Und kennt die Entscheidungswaage. 4 Felder.... ++, +-, -+, --. Sie schenkte mir auch einen Würfel - No, Yes, Maybe.... Sehr hilfreich. :-)))

Dann traf ich mich noch mit einem Coach.... um mein explodiertes Hirn, das so ähnlich aussieht wie das Zimmer meines jüngsten Sohnes - halbwegs zu sortieren. 

 

Fazit: Ich bin immer noch selbstständige Musikerin. 

 

Das Buch "Ich weiß nicht, was ich wollen soll"  von Bas Kast geht es um die Frage, warum wir uns so schwer entscheiden können bzw. was es uns so schwer macht, zu entscheiden. Wir haben große Freiheit, soviele Optionen - was für ein Privileg.... man muss nur wollen, dann kann man alles. Mir wird schlecht, wenn ich diese Botschaft der "Machbarkeit durch starken Willen" wo auch immer höre. Der Druck, der dadurch entsteht ist enorm. "Wenn du wirklich willst, dann kannst du deine Karriere vorantreiben und Kinder haben." Wenn das nicht klappt, willst du nicht wirklich. Wir sind nicht grenzenlos. Und es geht nicht alles.  In Grenzen und Verzicht liegt mehr Freiheit als man es sich vorstellen kann.  Verzicht fokussiert, treibt nach vorne. Und ja, es schmerzt, wenn man manches nicht kann. Aber wenn ich mein Kind, dass hustet und Ohrenschmerzen hat heute nicht in Fremdbetreuung geben muss, weil ich meine Karriere vorantreiben will, dann soll es ruhig weh tun. :-) Da ist ist die Frage "Was sind meine Werte?" wahrscheinlich hilfreicher als "Was will ich?" Auch wenn sie das gleiche meinen kann. 

Was ist soviel mir so "wertvoll", dass ich auf anderes verzichte?

Wie schrieb ich in meinem Song "Good enough" ("Gut genug") : Bounderies will set you free.

 

Ich mach mir jetzt erstmal noch nen Kaffee.... oder besser Tee? Moment, wo ist der Würfel... KATHAAAAA....

 

Fröhliche Entscheidungen heute! 

 

Katelin 

 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Linda (Donnerstag, 17 Oktober 2019 11:22)

    Manche Entscheidungen sind schwer, manche ganz einfach. Zum Beispiel: Will ich jetzt „Katelin“ hören? Ja! Ganz einfach :-)
    Hab einen schönen Tag voller guter Entscheidungen. Und wenn mal eine daneben geht ... morgen ist ein neuer Tag. Kuss aus der Ferne, liebe Katelin! Deine Linda

  • #2

    Ute von nebenan (Donnerstag, 17 Oktober 2019 12:10)

    Du kannst so wunderbar ausdrücken, was ich seit Jahren mit mir rumschleppe.
    Ich Bügeleisen jetzt zu ende..

    Und D A H A N....
    WERFE ICH EIN Teil weg.
    Ährlich

  • #3

    Andrea (Donnerstag, 17 Oktober 2019 15:58)

    Und dann gibt es ja auch noch Aprikosenmarmelade......
    Danke, Katrin, für food-for-thought! Freu mich immer wenn’s nen neuen Blog von dir gibt.