Gut.

 

"Und siehe es war gut."

 

Diesen Satz, diese Schlussfolgerung findet man mehrmals im Schöpfungsbericht der Bibel. Aber ich verstehe da eines nicht. 

Gut? Später, als der Mensch geschaffen wurde heißt es: "Und siehe es war sehr gut." Ich finde Menschen ja auch toll und besonders, frage mich aber, ob der Schöpfer des Universums erstmal in Fahrt kommen musste bevor es „sehr gut" wurde?

 

Mein Sohn kommt aus der Schule. Er hat die Mathearbeit wiederbekommen. "Ist nur `ne zwei." 

Gut. 

Da wäre noch was gegangen. Etwas mehr anstrengen beim nächsten Mal.

(Gar nicht auszudenken, was ein "befriedigend" bedeutet! Da ist nichts von Friede und bei "ausreichend".... reicht absolut nichts....)

 

Ich mache mich fertig für ein Konzert. Nachdem ich  meine Locken unterm Diffuser und kopfüber voluminös gefönt habe, mir beim Aufrichten kurz schwindelig wird, ich endlich nach 3 missglückten Versuchen entschieden habe, keinen Eyeliner zu tragen und meine Outfit stimmt, gehe ich zu meinem Mann, drehe mich im Kreis und frage ihn voller Erwartung: "Na, wie seh ich aus?"

"Gut."

"Soll` ich lieber `was anderes anziehen?" (Verunsichert und argwöhnisch schaue ich ihn an.)

"DU SIEHST GUT AUS."

 

Nett ist das neue Scheisse und gut das neue schlecht. Nur "gut" reicht nicht.

Perfektion will keiner, aber Exzellenz dann schon. Und möglichst in allen Bereichen.

Bewertungen entstehen im Vergleich und da strengen wir uns ordentlich an, um aus der grauen Mittelmasse herauszukommen, die uns gierig im Schlund der Unbedeutsamkeit verschlingen will. 

Der Druck ist enorm. Unter anderem auch, weil wir die Bewertungen mit unserer Identität gleichsetzen. (Aber das wäre jetzt eine weiteres Thema: Worin liegt unsere Identität?).

 

Schon seit einigen Jahren ist mir der Satz "Es gut sein lassen" sehr wichtig. 

Ich denke jetzt gerade darüber nach, was ich bei dem Wort "gut" empfinde. Unwillkürlich lächelte ich und atme tief durch. Gut ist für mich friedvoll, warm und versöhnlich, kurkumagelb wie mein Kleid.

Anders ist das für mich, wenn ich einem "sehr gut" nachspüre....  Das fühlt sich  toll, aber in meinem ganz persönlichen Empfinden wesentlich heller und irgendwie härter, fordernder, zitronengelb. 

 

Könntet ihr gerade sehen wie es um mich herum aussieht - ihr wüsstest, dass ich ein wenig chaotisch bin. Und in meinem Kopf machen andere Frauen und Mütter das ganz anders und viel besser als ich. Ich werde nie vergessen als mich vor Jahren eine liebe Freundin besuchte und zu mir sagte: "Ach, bei dir ist so schön. da steht immer etwas rum." Naja... manchmal fühl ich mich deswegen total unfähig. Und alle anderen können es besser, sind besser organisiert und wahrscheinlich sogar fleissiger.

Ich kann mich darüber zerkriegen, Schuldgefühle haben, wie ein Versager fühlen... das mache ich noch zuweilen. 

Oder aber: Ich lasse es "gut" sein. 

Ich muss nicht in allem sehr gut sein.... oder überragend.....  

 

Auch bei meinen Schülern, Studenten, Kollegen und natürlich auch bei mir keimt immer wieder die Frage auf, ob man gut genug ist in dem was man musikalisch so macht. Andere können ja viel besser singen, viel bessere Songs schreiben..... Die Frage führt ins Leere. Welche Instanz berurteilt dies auf welcher Grundlage?

Eine zumindest teilweise hilfreiche Antwort war für mich: 

 

"Es wäre sehr still im Wald, wenn nur die besten Vögel sängen".


Trotzdem glaube ich, dass die Frage ungünstig ist. Warum mache ich Musik? Think about it! Das ist in jedem Fall hilfreich! 

 

Als ich einmal aus dem Fenster sah, sah ich ein Rotkehlchen. Und es tat - welch Wunder - einfach das, was ein Rotkehlchen so macht. Es hat nicht versucht ein Hirsch zu sein, oder eine Anakonda. 

 

In einem Buch las ich einmal von einem Leiter, der mit seinen Mitarbeitern einen Abend veranstaltete, bei dem sie feierten, was sie nicht sehr gut konnten und auch nicht sehr gut können müssen. Wir alle sind ergänzungsbedürftig. Das entlastet. Aber man muss die Demut besitzen, das anzunehmen.

 

In diesem Sinne lasse ich es nun gut sein, hänge noch den Text meines Songs "Good enough" an, der genau dieses Thema hat. (Einen Live-Ausschnitt des Songs findet ihr auf meinem Instagram Account ... (auf dem Startbild seht ihr eine Dame mit rotem Kleid von hinten.... und Melone...).

Und ich erhebe meinen Ingwertee darauf, dass ich ein Rotkehlchen bin und kein Hirsch! Prost!

 

Eure Katelin


P.S. Es ist allerdings wirklich interessant darüber nachzudenken, wie „gut“ und „sehr gut“ im Schöpfungsbericht gemeint sind. 

 

 

 "Good enough" 

 

Sag mir, wieviel bist du bereit zu tun und zu opfern,

damit du hörst, dass du toll bist.

Wir sollten unsere Denkweise überprüfen,

denn unser Anspruch ist lange genug zu hoch und eng gewesen.

 

Die Messlatte wird immer höher und höher gesetzt. 

Niemand kann sich jemals in Sicherheit wiegen.

Und die geflüsterten Versprechen sind leer

und verursachen viel Schmerz.

 

Können wir überhaupt noch loslassen und einfach "sein"?

Ohne etwas erreichen zu müssen? Eine Agenda zu haben?

Gut genug ist gut genug 

Es ist nichts Falsches daran durchschnittlich und normal zu sein.

 

Ich möchte nicht alt werden und immer noch für meine Seele und um Anerkennung kämpfen.

Es gibt eine Geschichte, die die Wahrheit erzählt und am Ende wird sie sich entfalten.

Wie alles gedacht ist und ich inneren Frieden haben kann.

Am Ende werden meine Grenzen meine Freiheit bedeuten.

 

Ich soll anspruchsvoll sein, arbeiten, lächeln, immer souverän.

Aber ich werde nie gewöhnlich sein, und ich muss einfach nur ich sein. Mehr nicht.

 

Lyrics&Music Katelin  (Übersetzt aus dem Englischen)

 

 

 

 

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Andrea (Samstag, 09 November 2019 13:07)

    Das hier hat meine schlaflose Nacht (4:00) noch schlafloser gemacht. Es stresst mich dass gut eigentlich nicht gut ist. Weil es „nur“ gut is. Aber vielleicht zeigt es doch nur wie „abartig“der Mensch im Vergleich zu Gott ist, der wirklich GUT ist (und perfekt......) Weil für die Menschen „gut“ nicht mehr gut genug ist......da hilft auch das „sehr“ nix. Ich bin verwirrt.