Erbin der Nacht

Ich komme gerade eben aus einer anderen Welt. Einer Art Paralleluniversum in der andere Gesetzmäßigkeiten gelten. Ich kenne Orte und Menschen und ich kenne andere nicht. Ich tue gewohnte Dinge und Dinge, die ich noch nie getan habe. Ich bin mir vertraut und eine Fremde zugleich. 

Nachts, in meiner Traumwelt passieren die verrücktesten Sachen. Ich treffe Menschen, die ich im realen Leben nur aus den Medien kenne, bereise ferne Länder, tauche und begegne einem Wal (später wird aus diesem Traum ein Song entstehen), ich streite, ich liebe. Es erscheint als hätte die Nacht vom Tag wie ein Elster geklaut, um sich dann aus Diebesgut ein eigenes Nest zu bereiten. Eine „Cover-Version“. Vielleicht eher „Under-Cover“.

 

Manchmal hängen mir Träume den ganzen Tag über nach wie ein verschwitzter Bettgeruch oder eine dunkle Nacht-Girlande, die ich hinter mir herziehe. „Das war nur ein Traum!“ Natürlich weiß ich das, aber das Gefühl, welches der Traum auslöst ist real - wenn gleich der Inhalt nicht. 

Und dann werde ich, wenn der Morgen kommt von der Nacht stehen gelassen. Wie bestellt und nicht abgeholt. Ich bin die Erbin der Nacht und weiß noch genau, dass mein Traummann mich alleine gelassen hat als ich ihn wirklich gebraucht hätte. Deshalb schaue ich ihn als er mir morgens einen Kaffee reicht grimmig an und er stutzt irritiert. „Was ist los?“ „Ich hab schlecht geträumt.“

 

Im realen Leben kann man ein Erbe ausschlagen. Man macht sich auf den Weg zum Gerichtsgebäude, passiert die Kontrolle, verirrt sich und wird von einer freundlichen Putzfrau zur richtigen, der 123 gleich aussehenden Türen auf einem der 13 gleich aussehenden Flure geschickt. Ich denke darüber nach, was hinter all den Türen sein könnte. Vielleicht eine weiteres Paralleluniversum. Mit anderen Gesetzmäßigkeiten. Ich widerstehe dem Wunsch, jede dieser Türen zu öffnen. Nicht etwa, weil das peinlich werden könnte, sondern weil die Wahrscheinlichkeit, dass ich dort  jedes einzelne Mal Beamte zwischen Türmen von Akten an einem Schreibtisch neben Locher und BGB antreffe recht hoch ist und ich mir ein Paralleluniversum anders vorstelle. Zumindest müssten die Beamten fliegen können, es gäbe einen Kaugummiautomaten und eine Lichterkette die zum Rhythmus der Musik blinkt. Oder man öffnet eine Tür und befindet sich am Pazifik. 

Wie gesagt, wir fanden die richtige Tür und schlugen das Erbe aus, nachdem mein Mann die Frage „Sind Sie zu dem derzeitigen Zeitpunkt schwanger?“ mit „Nein“ beantwortet hatte. Kein Witz. Das Erbe meines Traumes von letzter Nacht kann ich allerdings nicht ausschlagen. Das ist wesentlich komplizierter. Und so hoffe ich auf die nächste Nacht.

 

 

Ich liege neben meinem Sohn im Bett und kuschel mit ihm. Er lächelt, mummelt sich in die Decke und sagt: „Jetzt such ich mir was Schönes zum Träumen aus.“

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