Und jetzt schau mal sexy...

Ja, ich gebe es zu. Ich habe mich gefreut als in unserer Lieblings-Schoko-Nuss-Creme mit lauter einkettigen Kohlenhydraten kein Palmöl mehr zu finden war. 

Meine Freude war jedoch von kurzer Dauer. Ich hielt das Glas in unterschiedlichen Abständen vor meine Augen und neben der Tatsache, dass kein Palmöl zu erkennen war, waren auch keine anderen Zutaten enthalten. Nur ein verschwommenes Grau, das sich vom Weiß des Etiketts schwammig abhob und einen großen Interpretationsspielraum ließ. Naja, Grünkohl hätte ich mir jetzt als Inhaltsstoff nicht abgenommen. Aber Ballaststoffe, Eiweiß von der Milch, gesunde Fette und natürliche Süße durch „Was weiß ich“ vielleicht schon. 

Ich erinnerte mich daran, dass an den Regalseiten im Supermarkt an strengen, silbernen Ketten Lupen von immenser Größe hängen. Und schwups - da war es wieder. Das böse Palmöl. 

Und ich musste der Wahrheit in die Augen schauen. Beziehungsweise den Optiker in meine Augen schauen lassen. Was ich auch tat. Altersweitsichtgkeit. Noch ein böses Wort. 

 

Der Optiker, eine netter, kompetenter Herr beruhigte mich. Das sei völlig normal, es begänne schon im Kindesalter (ich bin doch erst 11, oder?) und ab 40 gäbe es dann leider eine rapide nach unten fallende Kurve. Diese Kurve merke ich auch in anderen Bereichen. Mein grau-weißer Haaransatz, den ich alle paar Wochen übermale, der Unwille, auf Touren auf Luftmatratzen zu schlafen oder spät nachts noch nach Hause zu fahren. Nur meine Neigung zu Pickeln ist geblieben. WHY?  

Das Leben ist hart und ungerecht.  

 

Aber schauen wir den Tatsachen ins Auge. Ich habe aller Wahrscheinlichkeit nach die Lebensmitte überschritten. Und fühle mich trotzdem manchmal wie ein Kind und verhalte mich hier und da auch so. Natürlich nur sehr selten. Trotzdem finde ich es schade, dass man an allen Ecken und Enden versucht, das Alter zu vertuschen und herunterzuspielen. Wo sind die „Alten“, die in Würde und selbstbewusst altern und auch die Schönheit darin entdecken und zeigen. Ihre grauen Haare nicht erst voller Stolz tragen, wenn es Mode wird oder auch tatsächlich alle Haare grau sind. Oder weiß. Wie meine Zähne. Sie sollten zumindest weiß sein. Mein hypermoderner Zahnarzt bietet eine Zahnaufhellung an - völlig schmerzfrei und in einem utopischen Sessel, der an ein halbes Ei erinnert. Ich bin mir sicher: In diesem Sessel erlebe ich doch noch die nächste Jahrtausendwende. Und das mit einem strahlenden Lächeln. Denn ein Lächeln ist die Eintrittskarte zum Herzen der Menschen. Das sagt das Plakat. Es sagt auch, dass mir diese Praxis das Lächeln ermöglicht, welches ich verdiene. Endlich jemand, der das erkennt. Ich denke ernsthaft darüber nach. Genauso über die Begradigung der „scheppen“ Frontpartie meiner Zähne, die wahrscheinlich keinem auffällt außer mir. Wozu hab ich sonst die Zusatzversicherung? 

Der Kieferorthopäde bestätigt mir einen ordentlichen Kreuzbiss, dessen Beseitigung die Kasse mit Sicherheit übernimmt, da ich in Kategorie 4 falle. (Warum muss ich jetzt an Schlangen denken?)

 

Ich erinnere mich an die Auswahl des Fotos für das Cover meiner ersten CD.

Der Fotograf, der z.B. auch die Söhne Mannheims ablichtete, schoss unterschiedliche Serien von mir. Das lief auch ganz prächtig bis zu dem Moment, in dem er zu mir sagte: „Und jetzt schau mal sexy.“

Ich: völlig überfordert, kurz vorm Hyperventilieren und wieder 11 Jahre alt.

 

Die Grafikerin teilte mir mit, welches Foto sie am besten fände. Ich verstand warum, aber meine Reaktion war: Da sieht man meine schiefen Zähne. Sie entgegnete, dass sie schon gedacht hätte, dass ich das sagen würde und das schade fände. 

Ich verstehe warum.

Selbstoptimierung. 

Ich stelle mir vor, ich wöge 10kg weniger, hätte grade und weiße Zähne, meine Haare frisch gefärbt und keine Pickel.

Wow. 

Doch trotzdem macht mich das traurig. Ich bin keine andere Person, egal was von dem oben Genannten umgesetzt ist. Ich bin - immer noch - ich. Und habe genau die gleiche Würde und Berechtigung, zu lachen, zu weinen, zu straucheln, Schoko-Nuss-Creme mit Palmöl zu essen und meine eigene Musik zu machen, auch wenn ich über 40 bin. Oder auch nicht. Aber das werde ich mir nicht nehmen lassen. Das habe ich viel zu lang getan. Ich möchte den wirklich wichtigen Dingen meine Aufmerksamkeit und Energie schenken. (Und natürlich freue ich mich trotzdem über meine coole, neue Bluse.)

 

Vor einigen Tagen bin ich über folgenden Spruch gestolpert. Für „fat" könnte man auch andere Dinge einsetzen. 

 

"Is fat really the worst thing a human being can be? Is fat worse than vindictive, jealous, shallow, vain, boring, evil or cruel? Not to me." (J.K.Rowling)

 

 

Ich bin Katelin. 

 

Lots of love! 

 

 

P.S. Das Foto ist aus der Serie, in der ich „sexy“ schauen sollte. Hat nicht so ganz geklappt. ;-)

 

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