Sie ist auf. Das zählt.

„Und? Was machen wir heute?“


Ich: „Verwegen französisch.“


Ich sitze beim Friseur. Jedesmal vor einem anstehenden Termin frage ich mich, ob ich nicht mal was ganz anderes machen sollte. Und irgendwo doch DIE Frisur zu finden ist, die meinen Look definiert, mich umwerfend aussehen lässt und dabei völlig unkompliziert ist. 

Meine digitale Pinnwand enthält eine Sammlung von Frisuren für Locken. Gewagte, mit Pony und ohne, lang, kurz.... Ich bleibe immer wieder an einem Foto hängen. Schwarz-weiß, eine Frau mit Haaren, die anscheinend wie Erdmännchen nicht zu zähmen sind. Oder es ist ihr einfach egal. Letztere Deutung scheint wahrscheinlicher, da sie eine Kippe in der Hand hat, das Kinn leicht provokant nach  oben gehoben, die Arme lässig auf den Oberschenkeln. Ich stelle mir vor, was sie so macht. Irgendwas rebellisch-eigenwilliges. Sie sieht umwerfend aus. Meine Augen werden schmaler. Das spricht mich an. Mich als Deutsche. Mit ordentlichem Lebenslauf und angepasst. Das ist außerhalb von meiner Box in der ich mich bewege und in der ich immer wieder gegen die Wände donner. Das tut nicht weh, denn die Box ist ja aus Pappe. Grau und umweltfreundlich. Recycelbar. Zwei schwarze Linien außen zum beschriften. Stapelbar. Billig.



....... ich sitze mit meinem Mann am späten Abend auf den Stufen von Sacre Coeur.

Vor uns steht eine Rotweinflasche, mühsam geöffnet mit irgendeinem Gegenstand, den ich vergessen habe.... Ist ja auch egal. Sie ist auf. Das zählt. Und schon halbleer. Der Blick auf die Stadt. Lichter. Straßenmalerei, Menschen, Strassenmusik, der Arm meines Mannes um meine Schultern.... die Luft! Ein Kuss.

Und ich trage ein sonst verschlummertes Gefühl in mir, dass zwischen Zahnreinigungen, Fahrgastrechteformularen, Schulbroten und Wäschebergen so schnell abhanden kommt wie die Socke eines Sockenpaares. In guten wie in schlechten Zeiten gilt bei Sockenpaaren nämlich anscheinend nicht. Die trennen sich. Immer. Eine haut ab. Zigaretten holen.... und schwups - weg. Und die kommt dann auch nicht wieder! In unserem Keller ist der Versammlungsort für die Selbsthilfegruppe der verlassen, armen Socken.  Ende der Geschichte.

In Paris würden sich die armen Socken nicht heimlich im Keller zusammenrotten. Sie wären „celibataire-chaussettes“. Das klingt verwegen. Und „celibataires“ gehen aus. Auch wenn sie verlassen wurden. Vielleicht wütend und verletzt, aber nicht erbärmlich. Und mit Würde. Auf den Stufen von Sacre Coeur tanzen. Jetzt erst recht. 

Und dann mit Kippe in der Hand, zerzausten, eigenwilligen Haaren, geradem Rücken und leicht provokant nach oben gehobenen Kinn um Mitternacht nach Hause gehen.   


Natürlich weiß ich, dass in Paris auch nicht alles gut ist. Ganz und gar nicht. Aber ich mochte es dort. Natürlich auch, weil man Mann und ich allein unterwegs waren und es so wunderbar romantisch war. Aber dieses Gefühl von „Verwegenheit“, „Kunst“, „Trotz“, „Leben“ - das hätte ich gerne dann und wann in meinem deutschen Leben. Den Box Deckel aufkriegen. Irgendwie.

Is ja auch nur aus Pappe. Kann ja nicht so schwer sein. Vielleicht etwas mühsam, aber dann ist sie auf. Das zählt. Auf die zwei schwarzen Linien schreib ich: „Arme Socken“ und tu sie da rein. 

Und bin fein raus. 


Au revoir, Katelin 



P.S. Das mit der Frisur hat geklappt - an dem Rest arbeite ich noch. 









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Kommentare: 1
  • #1

    Isabellle (Dienstag, 21 Januar 2020 11:42)

    Ganz grossartig!!!!