Hauptsache authentisch






Neulich hatte ich ein Erlebnis der anderen Art. Ich war eingeladen, mit meiner Musik auf einer Veranstaltung zu spielen. In der Pause kam eine ältere Dame auf mich zu und begann sofort auf mich einzureden. Es prasselten unzählige Hagelkörner der Empörung in Tennisballgröße auf mich ein. Wir seien in Deutschland und ich solle gefälligst deutsch singen, es sei ein Unding und unverschämt... 

Ich hege keine Sympathie für Hunde (ich jogge oft und mag keine sabbernden Freunde des Menschen, die an meiner Hose hängen und „nichts“ machen - wie mir die Hundebesitzer versichern). In diesem Fall erwärmte sich jedoch meine Empathie für Hunde, denn ich fühlte mich wie ein begossener oder eher beschossener Pudel und tat mir selber unheimlich leid. Meine Hundeaugen füllten sich augenblicklich mit Tränen. Ich bin 44 und sollte erwachsen damit umgehen können. Hab ich auch versucht. Wie ein erwachsener Hund. Wenn ich nun auch noch authentisch damit umgegangen wäre (und so sind Hunde nun mal), wäre das ganze anders verlaufen und ausgegangen. 

„Authentisch“ wird heut zu Tage gefordert und gefeiert. „Die ist so authentisch“. Glaubt mir, niemand hätte gewollt, dass ich in dieser Situation authentisch bin. Denn dann hätte ich die Reifen des (nicht vorhandenen) Rollators der Frau zerstochen (dramaturgisches Gemeinheitselement) und nach der Pause die Bühne genutzt um den Leuten mal ausführlich und so richtig authentisch zu erklären, wie das Leben eines Künstlers manchmal so ist und was „die Leute“ für Ignoranten sind und sie alle „sowieso keine Ahnung haben“. 

Dann hätte ich tief Luft geholt, gesagt, dass „das jetzt alles mal raus musste“ und es mir jetzt viel besser gehe, ich jetzt aber nach Hause gehe, weil es mir für heute reicht. Ich hätte die Schnauze so richtig voll gehabt.


Das hab ich nicht dann aber nicht getan. 


Authentisch sein bedeutet, „sein wahres Selbst, mit seinen positiven wie negativen Seiten, in sozialen Beziehungen offen zu zeigen und nicht zu verleugnen“ (Wikipedia).


Und in der Anwendung: 


„Angewendet bedeutet Authentizität, sich gemäß seinem wahren Selbst, d.h. seinen Werten, Gedanken, Emotionen, Überzeugungen und Bedürfnissen auszudrücken und dementsprechend zu handeln, und sich nicht durch äußere Einflüsse bestimmen zu lassen.“ (Harter 2002) 


Oha. Das kann ja heiter werden. 


Auch von Schülern, Studenten und anderen höre ich oft, dass sie, wenn sie Musik machen, „authentisch“ sein und andere Menschen „berühren“ wollen. Und Authentizität wird als Voraussetzung dafür gesehen, dass berührt werden kann. 


(Andere Frage wäre: Warum will man berühren und berührt werden und wodurch? Oft kommt dann die Antwort: Ich zeige mein Innerstes, mache mich verletzlich und das berührt. Mmmh. Wollt ihr wirklich mein Innerstes sehen? It`s a mess. Keine Spur von Magic Cleaning nach Marie Kondo.)


Und natürlich, ich verstehe den Gedanken oder das, was dahinter steckt. 

Aber ich glaube, dass hier unterschiedliche Dinge vermischt werden. Und zwar ganz ordentlich. Wie im Thermomix, 2 Minuten , Stufe 10. Gemüsesuppe, ohne Stückchen … ordentlich püriert - auch für ältere Hagelkörner-Damen, wenn die Dritten mal nicht mehr zubeißen können. Mal ganz authentisch angefügt. Ich nehme an, das berührt jetzt, denn ich habe mich verletzlich gemacht und mein Innerstes gezeigt.


Und nun bringe ich die Begriffe „Wahrhaftigkeit“ und „Integrität“ ins Rennen. Auf den Klepper „Authentizität“ setzte ich keinen Cent. Jedenfalls nicht in der Öffentlichkeit. Höchstens vor Gott, meinem Mann und meinen engsten Freunden. (Die Armen. I AM SORRY.)


Wahrhaftigkeit ist eine Denkhaltung, die das Streben nach Wahrheit beinhaltet. Wahrhaftigkeit … bringt das Verhältnis eines Menschen zur Wahrheit oder Falschheit von Aussagen zum Ausdruck…. Zur Wahrhaftigkeit gehört die Bereitschaft, für wahr Gehaltenes zu überprüfen.“ (Wikipedia)

Nicht so ganz einfach, denn wir leben in der Postmoderne, in der die Wahrheit ausgehebelt wird und durch persönliche Wahrheiten ersetzt wird - aber natürlich ganz authentisch. 



Und nun Integrität: 


„Persönliche Integrität ist die fortwährend aufrechterhaltene Übereinstimmung des persönlichen Wertesystems und der persönlichen Ideale mit dem eigenen Reden und Handeln.…Die Aussage über einzelne Menschen sie seien „integer“ bedeutet, dass diese Personen „unbestechlich“ sind und festen, tief verankerten, ihnen wesensgemäßen Werten anhängen, zu denen sie dauerhaft stehen und von denen sie sich nicht abbringen lassen.“ (Wikipedia)



Mmh. Damit kann ich nun mehr anfangen. Ich schwinge mich in den Sattel dieses Pferdes und ja, damit kann ich mich zumindest in Bewegung setzen. 


In diesem Sinne habe ich auch tatsächlich auf die ältere Dame reagiert. (Was mich immense Kraft gekostet hat.)


„Es tut mir leid, dass Sie das so empfinden. Ich denke, ich bin der falsche Ansprechpartner für Ihre Kritik, denn ich bin eingeladen worden, hier zu spielen. Wenden Sie sich doch bitte an den Veranstalter.“ (Wollen Sie eine Kritik äußern, drücken Sie bitte die Eins. Möchten Sie mit einem Zuschauerberater sprechen, drücken Sie bitte die Zwei... Bitte warten... Bitte warten…)


Trotzdem habe ich mit den Tränen gekämpft,  musste mich wieder sammeln, um nach der Pause weiterzuspielen. 


Aber wie schrieb mir mein Sohn (ich hatte meinem Mann ganz authentisch mein Leid geklagt und mein Sohn hatte es mitbekommen):


„Hallo Mama ich hab gehört das du ungerecht behandelt wurdest deswegen wollt ich dir sagen die Leute sind halt so.“


Recht hat er. Die sind halt so. Und das ganz authentisch.


Yours, Katelin 



Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Andrea (Freitag, 14 Februar 2020 19:21)

    Krass. Hast Du gut seziert. Hoffentlich wird mal ueber das ganze Thema diskutiert. Ganz authentisch :). Ich glaube dass wir oft die falschen Begriffe gebrauchen und das alles vermengen......