Der Goldfisch und das Etikettiergerät

Der Goldfisch und das Etikettiergerät 

 

Verstummt. Das bin ich. Stumm wie ein Fisch. Ein schuppiger, glänzender Goldfisch im kugelrunden, dickwandigen Glas, der mit großen Augen durch die durchsichtige Lock-down-Wand schaut und dabei seine Flossen wie Flügel kontinuierlich bewegt als würde er abstürzen, wenn er die Bewegungen unterlässt. Ab und zu steigt eine Luftblase nach oben, dann dreht er wieder eine Runde, dann wieder eine Luftblase. Stumm und unproduktiv, dieser Fisch.

Im letzteren Punkt unterscheide ich mich allerdings deutlich von dem Fisch. Ich bin sehr produktiv. Ich habe mein Bücherregal nach Farben sortiert (das war längst überfällig!), meinen Gewürzschrank aussortiert und alle Gewürze oben beschriftet, so dass die unzähligen Stunden des Suchens ein Ende haben („haben wir noch Cumin?“). Und zu meiner großen Freude besitzen wir nun ein Etikettiergerät. Ich beschrifte alles, was zuvor geordnet wurde. Damit will ich die mühsam hergestellte Ordnung bewahren, erhalten und mir und meinen Familienmitgliedern einbläuen, wo was hingehört.

So ein Etikettiergerät ist ein äußerst faszinierendes Teil, welches ungeahnte Macht verleiht. Wie bei den dunkelblau gekleideten, adretten Politessen mit ihren roten, zu eng geknoteten Halstüchern, die mit ähnlichen Geräten Strafzettel verteilen. Sie schauen mit gestrengem Blick auf (m)ein Nummernschild, tippen kurz, und noch während das Gerät surrt und den Zettel meines Versagens verächtlich ausspeit, hechte ich aus dem Drogeriemarkt, renne zum Auto und frage mit flehendem und unterwürfigem Blick: „Ich weiß, ich habe die Parkscheibe... aber mein Kind... kann man da nicht noch etwas machen?“

Natürlich kann man da nichts mehr machen. Das Gerät hat gespuckt. End of Story.

In meiner Lebensmittelschublade kann man auch nichts mehr machen. Die Etiketten kleben und wo Nudeln steht, sind auch Nudeln drin. Und wehe, ich finde dort demnächst eine Reispackung. Niemand wird sich rausreden können mit: „Ich wusste nicht, wo der hinkommt.“ Schuldig gemäß der Anklage. Das Etikett verleiht mir die Autorität zu ahnden. Das Strafmaß werde ich noch festlegen.

Ihr seht, ich bin sehr produktiv. Selbst die Rauchmelder, die seit 7 Jahren unten in Keller geduldig warteten ohne rum zuheulen, hängen nun an den entsprechenden Stellen. Ohne Etikett (ich drehe ja nicht vollkommen durch!).

Wie ihr seht, hat der Lock-down etwas mit mir gemacht. Was, muss ich noch ordnen. Am liebsten nach Farben. Und dann, ein gleichmäßiges Surren. und schwups klebt ein eindeutiges schwarz-weißes Etikett an meinem Gemütszustand und der Situation.

Interessanterweise hat die Situation bei mir dazu geführt, dass der äußere Lock-down zu einer Art innerem Lock-down wurde. Daher auch mein Social-Media-Verstummen. Auch in dem Wissen, dass das wahrscheinlich nicht sehr klug ist. Denn gerade jetzt, wo ein großer Teil meiner (finanziellen) Lebensgrundlage weggebrochen ist, müsste ich öffentlich sichtbar bleiben. Live-Konzerte, Kommentare, Aktionen, positive Impulse setzen....meine Stimme als Künstler erheben.

Ich war noch nie jemand, der schnell und impulsiv reagiert. Mir erscheint es auch als zu wenig, einen schnellen, positiven Impuls zu setzen. Vielleicht brauchte und brauche ich Zeit, um zu sortieren und zu ordnen, jetzt, wo alles auf einmal anders ist. Und erst dann kann ich meine Stimme als Künstler erheben und etwas aus meiner Sicht Relevantes beitragen. 

 

Und so werde ich weitermachen und weiterordnen. Äußerlich und innerlich. Und ab und zu lass ich ein paar Luftblasen steigen. 



 Bleibt gesund! Eure Katelin

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Kommentare: 1
  • #1

    Ernst-Erich Gloger (Freitag, 01 Mai 2020 19:26)

    Liebe Katrin,
    ein sehr schöner Text!
    Ich glaube wir brauchen und brauchten alle einmal diese Zeit um
    zu „etikettieren“ und zu ordnen. Hoffentlich gelingt es vielen Menschen und hat dann auch Bestand!
    Ganz liebe Grüße. „Lollo“