Die perfekte Welle

Wir sind am Meer. Mein Mann, meine Kinder und ich stehen im Wasser und jauchzen vor Vergnügen. Der Wind hält uns wach. Die Welle kommt, klatscht gegen unsere Körperfronten, wir lecken das Salz von unseren Lippen. Ein kurzer Moment der Ruhe, dann bündelt das Wasser seine Kraft, bäumt sich auf, bricht mit schäumender Wucht zusammen.

 „Mama, die war soooo krass.“

Ich drehe mich in die andere Richtung um, blicke mit einem erwartungsvollen, kleinen Lächeln zurück über meine linke Schulter, die Welle kommt nun von hinten. Ich mache mit ihr gemeinsame Sache und lasse mich von ihr als Trittbrettfahrerin in Richtung Strand mitnehmen. 

Nach einer Weile rennen wir kreischend und lebendig bis zum Anschlag aus dem Wasser. Alles in uns pulsiert. Wir lachen, als uns der trockene, fliegende Sand ein kostenloses Peeling gewährt, mummeln uns in Handtücher und strahlen über beide Backen.

 

Einen Tag später. Das Meer ist platt wie eine glitschige Flunder. Ein gähnendes, müdes Brett. Der Wind hat sich gelegt. Das Wasser scheint lustlos, gelangweilt und ohne Initiative. Desinteressiert. Als sei ein Stecker gezogen worden. 

Boote und Wassertiere werden aufgepumpt, Ehen gerettet, die durch den Versuch, gemeinsam den Windschutz aufzubauen, beinahe zerstört wurden. 

 

 

Ich spüre und kenne sie, die innere Welle, die kommt und mich mitnehmen wird. Die unterschwellige Kraft, die es mir leicht machen wird, anzufangen. Der Wille, der sich gefüllt mit Energie aufbäumt: jetzt werde ich aufräumen, alle Wäsche falten, den Song fertig machen und tatsächlich veröffentlichen. 

Und ich fange an. Jauchzend, mit Vergnügen und Lust. Es geht voran. Ein Selbstläufer. 

Doch dann legt sich der Wind. Die Eigendynamik endet. Ich warte auf die nächste Welle, die nicht kommt. Und schonmal gar nicht die perfekte Welle. Und selbst wenn, jede Welle läuft irgendwann mal aus.

Großmäulig habe ich verkündet, dass ich diesen Sommer den Song (der schon letztes Jahr entstanden ist) veröffentliche. Den Hafen weit aufgerissen im festen Glauben, dass die Welle ewig andauert und mich dorthinein treibt. 

 

An die Wand, an der mein Schreibtisch steht, habe ich Sprüche geklebt, die für mich wichtig sind. Auf einem Zettel, den ich aus einer Zeitschrift herausgerissen habe, steht nur ein Wort. „Dranbleiben“.

Und lustigerweise ist auf dem Bild hinter dem Wort ein Surfer auf einer Welle. Das fiel mir gerade beim Schreiben auf. Mit dem Wort „dranbleiben“ verbindet mich eine Hass-Liebe. Denn es ist manchmal so anstrengend, dran zu bleiben. Etwas zu Ende zu bringen. Das, was ich tun wollte, nicht aus einer lustlosen Laune heraus zu beenden und mein Vorhaben mutterlos zurück zu lassen. 

 

Ein weiterer Spruch, der dort hängt: „Make it happen. Shock everyone.“ Ich glaube, derjenige, der den größten Schock bekommt, bin ich selber. What? Ich hab es tatsächlich geschafft? YES. 

(With a little help of my friends. DANKE!) 

 

Nicht denken. Machen. Dranbleiben.

 

Nach 2 Stunden, 3 nicht hilfreichen Tutorials und einem Forum-Zufallstreffer habe ich herausgefunden, warum die Bilder, die ich aus dem Video in Premiere Pro (ein Videoschnittprogramm) extrahieren wollte, immer das falsche Format hatten und verzerrt waren. 

 

Nicht denken. Machen. Dranbleiben. 

 

Nach dem Lesen der Bedienungsanleitung (ich hasse sowas!) und einer erfolglosen Internetrecherche rettete mich mein Mann und brachte mein neues Interface ans Laufen. Warum denke ich jetzt an Baywatch? David Hasselhoff. (Mein Mann sieht definitiv besser aus!)

 

Nicht denken. Machen. Dranbleiben. 

 

Das Video. Endlich fertig. Einen Tag später. Alles weg. Internet, Foren, Telefonate… Alles von neu… Stunden um Stunden. Für nichts und wieder nichts. Alles auf Null.

 

Nicht denken. Machen. Dranbleiben. 

 

Backings einsingen. This should be fun. Dann: Magen-Darm. Die ganze Familie. Das kam auch in Wellen… ich erspare euch Einzelheiten.

 

Nicht denken. Machen. Dranbleiben. 

 

Die Postkarten. In Rennerod. WO IST DAS UND WAS MACHEN SIE DA???

 

Nicht denken. Machen. Dranbleiben. 

 

Gema. DistroKid. Internetseite, Datenschutzerkläung (Bääähh)… und… und… und…

 

Nicht denken. Machen. Dranbleiben. 

 

 

Besenstrich um Besenstrich. Wie Beppo in Momo. Irgendwann ist auch die längste Strasse zueende. 

 

 

„Amateure warten auf Inspiration. - Professionelle fangen an.“    

(Christoph Niemann, bekannter Illustrator, Grafiker, Autor)

 

 

Ich würde noch ergänzen: „Professionelle fangen an und bleiben dran.“ :-)

 

 

Ich betrachte mich nun als professionell und präsentiere am 1.August 2020 voller Stolz: 

 

„Summerwind“

 

Summerwind

I am breathing in 

The big blue sky, no more why

Let`s go light, yeah, it’s time to know

That I am home

 

 

 

Love, 

 

Katelin

 

 

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Linda (Montag, 27 Juli 2020 13:07)

    Liebe Katrin, dein Artikel spricht mir aus dem Herzen.
    Nicht denken. Machen. Dranbleiben. Vielleicht soll das über meinen Schreibtisch. Du hast sie gemeistert und ich warte gespannt auf den 1. August wenn „Summerwind“ endlich überall zu hören ist! �