Sie steht.

Vor einigen Jahren fuhren meine Freundin Katha und ich nach Köln ins Kino (Katha ist in meinem Video „Summerwind“ zu sehen). Wir wollten uns den Film „Pina“ von Wim Wenders anschauen. In 3D. Es gibt ein köstliches Foto von uns, in dem wird beide diese rot-grünen Brillen im Aufzug tragen. Der Film ehrt Pina Bausch, die deutsche Tänzerin und Choreographin, verstorben 2009. Als das Licht nach dem Ende des Films wieder anging, wir aus den roten, samtenen Kinosesseln aufstanden, auf heruntergefallenes Popcorn traten, waren wir beide beeindruckt und innerlich bewegt. Es sollte sich jedoch herausstellen, dass dies nicht mit den Brillen und 3D zu tun hatte, denn ich gestand Katha einige Zeit später: „Ich kann gar nicht 3D schauen.“ 

„Ich auch nicht.“ 

Wir haben herzlich gelacht. Keiner von uns wollte dem anderen das Erlebnis madig machen. Freundschaft. 

Ich, im mülltütenblauen Ballett-Anzug mit einer angenähten Rüsche um die Hüfte, Strumpfhose. Die Haare zum Pferdeschwanz gebunden, die Füße in zartrosa, Ballettschläppchen, in der 5. Position, die Arme rahmen den Kopf, ohne ihn zu berühren. Ein schönes Foto. 

In diesem Sommer nahm ich an einer Online Songwriting Masterclass von Jonatha Brooke teil. Eine großartige amerikanische Songwriterin und Musikerin, die ich seit vielen, vielen Jahren sehr schätze.

Sie selbst ist auch Tänzerin, und in ihrem Workshop schlug sie eine Brücke von Songwriting und Tanz. 

Die Art und Weise, wie Harmonien, Rhythmik und Melodie ineinandergreifen,  ist wie ein Tanz. Wie sich die einzelnen musikalischen Elemente zueinander im Raum verhalten. 

„Es geht nie nur um den Raum, sondern darum, wie sich die Bewegung zum Raum verhält.“ (Auszug aus einer Filmkritik zu „Pina

Ich mag dieses Bild und stelle mir seitdem die Songs, an denen ich arbeite, oft als Tanz-Choreografie auf einer Bühne vor. In 3D und ganz ohne Brille. 

Ich bewundere die Fähigkeit von Tänzern, Gefühle auszudrücken. Es rührt mich an und tröstet mich. Die Schönheit des Tanzens, der gerade Rücken, verleiht Gefühlen, selbst Wut, Schmerz, Leid, Trauer etc. Würde und Achtung gegenüber den Menschen, die sie erleben. Sie bekommen einen Raum. Und das bewegt mich zutiefst. Diese An-Mut. Ich weiß nicht genau, warum mir das so wichtig ist. Aber ich weiß, dass ich danach auch in dem Schreiben meiner Songs suche.

 

Es ist wie bei der großen, alten Trauerweide, die in unserer Straße steht. Gerade jetzt umhüllt sie feuchter Morgennebel im Schein der Straßenlaterne. Den dicken, starken Stamm ummantelt eine raue, schroffe Rinde, vom Wetter gezeichnet, in Jahrzehnten gewachsen. 

Sie hat Kälte und Hitze erlebt. 

Und steht.

 

Tage und Nächte.
Sie steht.

Krieg und Frieden.

Sie steht.


Ihre Äste hängen herunter, jeder einzelne hat sich ächzend gebogen, als hätte er noch einmal nachgedacht und nach und nach die Richtung geändert. Als wären die Tränen, das Leid, der Schmerz, die er trägt, zu schwer geworden, um sich weiter zum Himmel auszustrecken. Nun berühren die zarten, noch weichen Astspitzen wie Finger fast den Boden, die feuchte Erde, als wollten sie sich mit den Wurzeln sanft verbünden. 

Doch ... es bleibt: Sie steht. 

Mit geradem, starkem Rücken zeigt sie ihre Trauer, versteckt sich nicht, zeigt  ihr vom Leben gegerbtes Gesicht, zeigt Stärke und Schwachheit. Das Holz ächzt, aber es bricht nicht. 

Sie steht. 

 

Ich wünsche uns nach diesem besonderen Jahr und auch im Blick auf das neue Jahr, dass wir stehen. In aller Stärke und Schwachheit. 

 

Yours, Katelin

 

 

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Debby (Dienstag, 19 Januar 2021 02:09)

    So schön poetisch ausgemalt... Zwei Bilder von einer "würdevollen Präsenz". Ich lasse mich inspirieren!