Die Hornhechtsynapse

„Und nun Frederick, was machst du jetzt?“

„Ich sammle Farben“, sagte er nur, „denn der Winter ist grau.“

(Aus: „Frederick“ - Leo Lionni)

 

 

Grau. Was ist das eigentlich für eine Farbe? Nicht eigenständig und nicht aussagekräftig. Eine unbunte Nicht-Farbe. Uninteressant. Nichts an ihr, was meinen Geist wie ein Fisch nach dem Köder schnappen lässt. 

Und genau das bräuchte ich jetzt. Einen Köder für meinen Geist. Damit ich anbeiße und am Haken hänge.

 

Ich pule zum Entsetzen meiner Mutter das Innenleben aus meinem Brötchen heraus. Portionsweise forme ich Kügelchen, die ich nach dem Frühstück als Fischköder benutzen möchte. Ich frage mich, woher ich zu wissen glaube, dass kleine Brötcheninnenlebenklöpse einen dicken Fisch anlocken könnten. Jedenfalls erscheint mir das „netter“ als Würmer zu suchen und den Angelhaken durch das weiche rosarote Gewürm zu quetschen. Ein Loch im Wurm. Ein Wurmloch - nur andersrum.

Ich wühle in meinem Gehirn wie in einer Krimskramsschublade und suche nach der Erinnerung, was ich damals als Angelhaken benutzt habe. Erfolglos. 

Es hat aber - Angelhakenkonstruktion hin oder her - nicht geklappt.

Vielleicht lag es auch daran, dass es Tessiner Fische waren, die ich fangen wollte. Die wollten aber nicht. 

 

Womit ich unweigerlich beim Thema Hornhecht lande. Und damit bei der Farbe mint. Diese Verknüpfung werde ich nicht los. Sehe ich eine minte Gardine, sehe ich unmittelbar den Hornhecht. Ein minter Sommerrock - Hornhecht. Minte Vase - Hornhecht. 

In unseren Familienurlauben in Dänemark fuhren mein Vater und mein Onkel, wenn die Sonne strahlte und der Himmel blau war, mit unserem quietsch-gelben Schlauchboot „Maya“ zum Angeln aufs Meer hinaus. Manchmal bin ich mitgefahren. Wenn man mal musste (und so etwas kommt ja durchaus vor), musste man einen Runde ums Boot schwimmen, denn wir waren zu weit vom Ufer entfernt. Das Wasser erschien mir bodenlos und ich hatte das Gefühl, in eine andere, dunkle, tiefblaue Welt einzutauchen, die geheimnisvoll und finster war. Bevor ich mich vom Bootsrand gleiten ließ, hielt ich Ausschau nach Quallen. Insbesondere Feuerquallen. Lautlos schwebten die schimmernden Boten einer anderen Welt durchs Wasser. Leider geht schnell schwimmen und die Blase entleeren nicht… Da braucht es Entspannung.

An den Angeltagen kam dann Fisch auf den Tisch. Oft platte Pfannkuchen-Schollen, gut stapelbar. Und einmal eben: Hornhecht. Schmal und lang, mit langer Hornschnauze. Der Hornhecht ist ein toller Speisefisch, las ich später. Die Gräten werden beim Zubereiten knallgrün, das Fleisch dadurch mintgrün. Das kommt daher, weil beim Garen durch den Abbau des roten Blutfarbstoffes Hämoglobin das grünliche  Biliverdin entsteht und dadurch die Farbänderung erfolgt. Ich war darüber als Kind so verblüfft, dass sich zumindest eine verlässliche Synapse in meinem Leben gebildet hat: Mint - Hornhecht. 

 

 

Grau, rosarot, mint, himmelblau, tiefblau, quietschgelb, knallgrün…

Ich sammle. Wie Frederick. Farben, Wörter, Geschichten, Gedanken, Melodien.

Etwas, was meine und die Gedanken von anderen neben Corona und verlängertem Lockdown an den Haken gehen lässt, wenn alle Vorräte aufgebraucht sind. Fernab vom Grau dieser äußeren und inneren, dunklen Wintertage.

 

 

„Macht die Augen zu“, sagte Frederick und kletterte auf einen großen Stein. 

„Jetzt schicke ich euch die Sonnenstrahlen. Fühlt ihr schon, wie warm sie sind? Warm, schön und golden?“

Und während Frederick so von der Sonne erzählte, wurde den vier kleinen Mäusen schon viel wärmer.

 

 

Yours, Katelin 

 

 

P.S. „Rollen Sie ein Stück Weißbrot zu einer Kugel zusammen und „radieren“ Sie den Fleck damit weg. Das Gluten im Brot bindet den Schmutz.“ Mama, Brötcheninnenlebenklöpse sind damit offiziell erlaubt.

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Linda (Mittwoch, 13 Januar 2021 22:03)

    Liebe Katrin, Deine Farbensammlung ist eines meiner Lieblingsgemälde, Deine Gedankensammlung ein Fundus an neuen Gedanken für mich.
    Danke das ich so viel daran teilhaben darf, auch an Deinen Melodien und Geschichten.