Fucking first times

„Ich bin krank.“ 

Ich habe einen innerlichen Schock. Lasse mir aber nichts anmerken. Außerdem merke ich, dass es meinem Gegenüber am Telefon nicht leicht fällt, mir abzusagen. Mein Hirn rattert und ich fahre meine Gedanken herrisch an, einen ordentlichen Zahn zuzulegen, sich zu formieren und zu sortieren. 

Was mache ich jetzt? Mein Freund und Gitarrist bietet zögernd an, trotz Krankheit nach Berlin zu kommen, um meine EP mit mir aufzunehmen. 

Mir ist völlig klar, dass ich das nicht möchte. Menschen haben Grenzen (auch wenn wir das oft nicht wahrhaben wollen). Gesundheit und ein guter Umgang mit den eigenen Ressourcen ist wichtig. Menschen sind wertvoll.

Die Fakten: Das Wochenende in Berlin steht kurz bevor. Das Studio ist gebucht. Absagen? Kann jemand anderes Gitarre spielen? 

„Du könntest selber spielen.“

What??? Panik macht sich breit. Ich kann das nicht. Ich habe die Songs zwar alle auf der Gitarre geschrieben, aber auf einer Aufnahme zu spielen?  Dafür bist du nicht gut genug. No way.

Mein Freund macht mir Mut. „Probier es doch.“

Mein Mund formt mangels Alternativen ein „Ok“, mein Inneres schreit „Aaaaah!“

 

2 Tage später sitze ich im Zug nach Berlin. Die Gitarre neben mir.  

Was soll ich sagen? Ich habe es getan. 

Es war nicht perfekt. Es war eher perfekt unperfekt. In vielerlei Hinsicht.

Einen der geplanten Songs konnten wir nicht aufnehmen, weil ich ihn auf der Gitarre nicht flüssig spielen konnte. Noch nicht. Aber was soll’s. Ich war und bin stolz wie Oskar, auch wenn ich bis heute so einige „unperfekte“ Stellen höre. Aber was bringt Perfektion? Natürlich möchte ich besser werden, aber nicht um der Perfektion willen, sondern um der Schönheit und der Freude willen.

 

Ich möchte mir und auch anderen Menschen erlauben, in einem Prozess zu sein und nicht vortäuschen oder spielen zu müssen,  stets alle Prozesse abgeschlossen zu haben. Wir sind Menschen. Alle. (Wow. An dieser Stelle merkt man, dass ich Abitur habe. Hahaha.)

Außerdem: Wenn wir etwas zum ersten Mal tun, ist es realistisch,  davon auszugehen, dass Sachen schieflaufen, wir fast wahnsinnig werden und zweifeln - an uns und unseren Fähigkeiten. Denn das sind FFT Momente.

 

Fucking First Times.

 

Den Begriff hat übrigens Brene Brown geprägt.

 

Sie sagte auch: “Owning our story and loving ourselves through that process is the bravest thing we’ll ever do.”

 

Recht hat sie. So möchte ich leben und auch anderen Mut machen, ihren Prozess zu leben und sich nicht zu verstecken. So lernen wir. 

Während der Corona Zeit habe ich mit einigen Schüler*innen eine Songwriting Gruppe eröffnet. 

Manche von ihnen hatten noch nie einen Song geschrieben. 

Eine von ihnen kämpfte zu Beginn sehr - mit sich und dem Prozess. „Siehst du: Ich kann das einfach nicht.“

Wenn man etwas zum ersten Mal tut, sollte man seeeeehr vorsichtig mit Schlussfolgerungen sein.

FFTs! Es wäre völlig unrealistisch, wenn man erwartet, dass das Ganze reibungslos läuft. 

 

Ich male zum ersten Mal mit Aquarell. Lauter Kreise, mit Bleistift vorgezeichnet  - die sollen jetzt zu Planeten werden. Ich nehme den Pinsel, tauche ihn in die Farbe, bewege ihn zum Papier und der Planet läuft aus. Einfach so. Er ist inkontinent.

 

FFT.

 

Beim zweiten Bleistiftkreis fülle ich den Planeten erst mit dem Pinsel mit Wasser aus. Dann kommt die Farbe. Und siehe da. Das Wasser wirkt wie eine Pampers. Ich lege den Kopf schief und betrachte den neuen Planeten. Meine Augen verengen sich. Ha! Ich habe die Planeten ab jetzt im Griff. 

 

BST. Better Second Time.

 

Meine ungewollte Berlinaktion war der Startpunkt dafür, live auch selbst Gitarre zu spielen. Ohne diesen Sprung ins kalte Wasser hätte ich das nie getan. Wirklich wahr. Es war ein FFT. Das erste F war sehr ausgeprägt!

Live spielen klappte dann aber reibungslos. Klappte es natürlich nicht.  Auch das war, ist und bleibt ein Prozess. Wie alles. Ein Prozess, in dem ich lerne. Wir haben die Erlaubnis zu lernen. Wir dürfen das. Echt jetzt. 

 

In diesem Sinne mache ich euch und mir Mut zu FFTs. 

 

“Owning our story and loving ourselves through that process is the bravest thing we’ll ever do.”

 

Love, Katelin 

 

P.S. Das Bild habe ich selber gemalt. Mit Aquarell. Der Kopf trägt bewusst keine Pampers. Das Bild soll ausdrücken, was manchmal in einem Kopf so los ist. In meinem zumindest. Wahrscheinlich ist das bei euch ganz anders. :-)

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Andrea (Sonntag, 14 März 2021)

    Sehr gut.
    We’ve all been there......und es lohnt sich fast immer ins Wasser zu springen.