Katelin  -   Live   from   her   desk

Inmitten von herausfordernden Zeiten  entstand  "Katelin - Live from her desk",  eine  dreiteilige Songreihe, in der jeder Song von einem Essay flankiert wird.

Eine Stimme. Eine Gitarre. Ein Take. Die Serie soll helfen, den Blick auf das Wesentliche zu lenken. Enjoy!  

 

  I -  Sidewalk

 II - Rosy Butterflies

III - Savor the night 

i   -   Sidewalk


 

Und dann seh ich dich

Ein Moment, der sich zu einer halben Ewigkeit ausdehnt. Ich sitze im Taxi und hänge im Feierabendverkehr fest. Es regnet, die Stadtlichter verschwimmen sanft in den feuchten Tropfen. Dann sehe ich dich. Du läufst in entgegengesetzter Richtung auf dem Bürgersteig, den Blick leicht gesenkt, deine Hände umklammern einen Regenschirm und eine schwarze Tasche. Du schaust kurz auf, wendest deinen Kopf in meine Richtung und unsere Blicke treffen sich.

Dann ist es schon vorbei.

 

Hast du mich erkannt? Eine unerwartete Sekunde lang dauerte unser Treffen und löst eine stürmische Flut an Gedanken und Gefühlen bei mir aus.

Kein Wort. Nur ein Blick. Wie kann ein Blick, der nicht mal physisch ist, soviel auslösen und in sich tragen? Ein flüchtiges Nichts gefüllt bis zum Rand. Wie eine Bibliothek. Regal an Regal. Vollgestopft. Eine Leiter, um die oberen Bücher zu erreichen. Fahles Licht. Unzählige Geschichten, Erinnerungen, Farben, Gerüche, Berge von Gefühlen. Ein Augen-Blick lässt sie mich betreten, meine Lebensbibliothek. Der Holzboden knarrt und ächzt geplagt unter dem Gewicht…

 

Die Bibliothek 

Der Blick schweift über die Buchrücken und bleibt schließlich an einem Buch hängen. Ich nehme es aus dem Regal, streiche mit der Hand den Staub vom Buchdeckel, die Farben werden klarer. Ich setzte mich in den dunkelblauen Samtsessel, der schon leicht durchgesessen ist und schlage es auf. Erschienen 2001. Erstausgabe. Noch nicht überarbeitet. Nun blättere ich ein paar Seiten weiter, der Geruch von Druckerschwärze und Vergangenheit steigt mir entgegen. Als ich zu lesen beginne, tauche ich ein in das Schwarzweiß der Buchstaben und sehe dich wieder in der Küche stehen. Du schneidest Gemüse, den Rücken zu mir gewandt, ruhig und gleichmäßig, als du dich plötzlich zu mir umdrehst. 

 

Alles könnte auch anders sein. Eine andere Entscheidung 2001 und mein Leben wäre in eine ganz andere Richtung gelaufen…

Optionen muss man haben, sagt man. Die hat man auch. Mehr als genug. 

Manchmal sehne ich mich nach Ein-Deutigkeit. Schwarz und weiß. Nach Grenzen, obwohl ich so oft laut nach „Freiheit“ schreie. Dass mal einer sagt, wo es lang geht. Einer, der aber auch wirklich den Weg weiß. Nicht immer, nicht bei allem. Aber dann und wann.

Die Verantwortung klebt an mir wie Teer an Federn. Manchmal möchte ich sie einfach mal abgeben. Wie ein Kind in der Tagesstätte. Ich hole es auch um 13:00 wieder ab. Versprochen. 

 

Doch ich habe meine Bibliothek, meine Geschichten, achten gelernt. Alle. Meine Heldenreise. Meine Kämpfe, meine Siege, Verluste, meine Irrungen und Wirrungen. Sie gehören alle zu mir.

 

Und wenn ich mich frage, warum es mehr als nur eine Richtung gibt („hätte, hätte Fahrradkette“), dann antworte ich: 

Nicht alle, die wandern, haben sich verirrt. (J.R.R. Tolkien)

Oder wie meine Freundin Becci gestern sagte:  "Wenn ich nicht gehe, weiß ich nie wie weit ich komme."

 

Und so wandere ich stetig weiter durchs Leben. Schritt für Schritt. 

Und dann und wann stelle ich ein neues Buch in meine Bibliothek.

 

Yours, Katelin 

 


ii   -   Rosy Butterflies

 

Kabelgewirr

Kabel. Unzählige, bunte Kabel. Dioden. Platinen. Der Lötkolben steht auf dem Küchentisch. 

Argwöhnisch schaue ich, ob mein Sohn auch etwas untergelegt hat. Hat er. 

Sorgfältig und mit großer Geduld lötet mein Sohn Kabel um Kabel. Konzentration. Ein Oktave-Fuzz entsteht. Das Teil macht wohl irgendeinen coolen Gitarrensound. Ich habe meine Zweifel, ob das etwas wird. Nicht, weil ich es meinem Sohn nicht zutraue, sondern weil es mir so unendlich kompliziert und fragil erscheint. 

Als ich dieses Kabelgewirr sehe, die diffizile Arbeit meines Sohnes beobachte, denke ich an die Liebe. Natürlich. Woran sonst? 

Bei der Liebe weiß man auch oft nicht, ob das was wird. Sie ist so unendlich kompliziert und zerbrechlich. Wenn sie „gelingt“, macht sie einen einzigartigen Sound. 

Vielleicht musste ich bei dem Kabelgewirr an Liebe denken, weil  „Rosy butterflies“ in mir nachklingt. Das erste Liebeslied, das ich jemals geschrieben habe. Vielleicht auch das einzige. Nach 18 Jahren Ehe. 

Wie schreibt man ein Liebeslied? Wie schreibt eines nach 18 Jahren?

 

Der Bund

Wir haben einen Bund geschlossen. Einen Lebens-Pakt. Freiwillig. Das bedeutet etwas. Uns verbindet vom ersten Tag etwas. Und jeder gemeinsame Tag verbindet uns mehr. Zwei völlig unterschiedliche 

Menschen, die gemeinsam leben und erleben. Verwoben ineinander. In Freiheit und Individualität. 

„And I`m in your dreams… you`re always on my mind“

 

Der Kampf

Es war mir auch wichtig, die Kämpfe zu würdigen. Ja, zu würdigen. Denn wir haben sie immer wieder gemeistert und durchgestanden und tun es noch heute. Kämpfe mit uns selber und miteinander. Auch die Kämpfe um unsere Liebe. Zu lieben und sich lieben zu lassen,  ist manchmal - aber nicht immer - einfach.

„Running, tripping over the past. Skin the knees….“

„Haunted in the woods by your love. On the edge the wide and open sea“

 

Der Sound

Mein Herz hat nie aufgehört, für meinen Mann zu schlagen. Ich glaube, das ist Gnade. Ein Herz schlägt nie von selbst. Ich bin dankbar. Denn Liebe ist kompliziert und fragil, es gibt viele Kabel und Lötstellen, vieles, was schiefgehen kann. Wenn die Liebe zu klingen beginnt, dann ist es wunderschön, und Gnade.  

„Rosy butterflies buzzing in harmony. Nets won’t catch…“

„Can you hear my heart? It’s beating still fast…“

Was soll ich sagen? Unsere Liebe klingt. Die Schmetterlinge fliegen. Auch nach 18 Jahren. 

Der Oktave-Fuzz klingt leider nicht. Und fliegt auch nicht. Das hat nicht geklappt. 

 

Yours, Katelin


iiI   -   Savor  the  night

 

Tief-schwarze Lederschuhe, leuchtend rote Schnürsenkel. 

Mit solchen Schuhen stand er am Flughafen und wartete darauf, abgeholt zu werden. 

Nach dem Langstreckenflug war er müde. Trotzdem freute er sich, seine Freunde wiederzusehen.

 

Jedes Mal, wenn er nach Deutschland kam hatte er eine kleine, dunkelbraune Tüte von Frans dabei. In ihr eine längliche Schachtel mit glänzendem Band und Schleife. 

„Gray Salt Caramels“. Weiches, buttriges Karamell überzogen mit einer dicken Schicht gehaltvoller, dunkler Schokolade, vollendet mit grauen Meersalzkristallen, gewonnen an der rauhen Küste Englands.

 

„Heute Abend, wenn die Kinder im Bett sind“, dachte sie morgens voller Vorfreude. 

Sie würde das Licht ausschalten, eine Kerze anzünden, und dann die Schachtel mit der weit gereisten Köstlichkeit bedächtig öffnen.

Dazu ein samtiger Schluck Rotwein. Aromen von Himbeeren, Zedern und Rosmarin. Eigen und doch unzertrennlich. 

 

Sie dachte nach.

Wenn sie wählen müsste - wie würde sie sich entscheiden? 

Salzig oder süß? Morgen oder Abend? Abschied oder Wiedersehen? 

Ihre Gedanken wanderten wie ein Tiger im Käfig unablässlig hin und her.

 

Sie konnte es nicht. 

 

Und wenn man sie dazu drängen oder gar zwingen würde? Sie sich entscheiden müsste.

Wie in Matrix. Die rote oder die blaue Pille.

 

Nein. Es wäre nicht möglich. 

 

„Cause, one tell the other.“ 

Gegensätze definieren einander. Sie klären, was sie nicht sind und heben den jeweiligen Charakter hervor. Licht verstehe ich erst dann, wenn es auch Dunkelheit gibt. Würde man Licht überhaupt benennen, wenn es keine Dunkelheit gäbe? 

Unterschiede machen es notwendig, Namen zu geben. 

 

Ich bin Katelin. Nicht Emma. Und ich bin auch kein Nashorn.

Ich bin introvertiert - mein Mann extrovertiert. Ich bin eine Frau - er ein Mann. 

Ich darf leben, wer ich bin und auch nicht bin. Ich sollte sogar feiern., wer ich nicht bin, nicht sein muss und kann. Und dann feiern wir, wer und wie andere sind. 

 

„Cause one tell the other.“  Wir sagen es uns gegenseitig. 

 

Ich würde sagen, das gibt eine Riesenparty.

 

Ich erhebe mein Glas auf Dich, meinen Leser und feier Dich, der du nicht Katelin, sondern Du bist! 

(Und auch kein Nashorn - davon gehe ich einfach mal aus)

 

Yours, Katelin

 

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Hier erfährst du mehr über die Entstehungsgeschichte von "Katelin - Live from ehr desk".

 

Wie es begann 

 Unerwartet und ungefragt kam Corona. Während ich im ersten Lockdown verstummte, eröffnete sich für mich später ein reduzierter, aber neuer Raum. Wie eine gute Bolognese, die lange köchelt und sich aromatisch konzentriert, köchelte mein musikalisches Schaffen ein. Keine Bühnen, keine  Bands, kein Touren, keine Deutsche Bahn. Ich war die meiste Zeit zu Hause. Ich und meine Gitarre.

 

Ich drehte Lehr-Videos für meine Schüler. Das Equipment stets auf meinem Schreibtisch aufgebaut. Zwischen den Videos nahm ich meine Gitarre in die Hand spielte. Nur für mich. Neue Songs. Irgendwann fiel mein Blick auf die Kamera, das Mikro. Mein Sohn saß auf dem Sofa und spielte leise vor sich hin. Eine ganz normale, alltägliche Situation.  Ich drückte auf den roten Punkt meiner Kamera, startete das Musikprogramm... und begann zu spielen.

 

Eine Stimme.

Eine Gitarre.

Ein Take.

 

Schwarz-weiß

 Ich mochte das, was ich sah und hörte. Schlichte Schönheit. 

Die schwarz-weiße Bildegestaltung unterstreicht ästhetisch die Konzentration auf das Wesentliche. Licht und Schatten. Strukturen und Formen rücken in den Vordergrund, nichts lenkt ab. 

Roh und fast unbearbeitet die Songs. Schneiden, austauschen, nochmal machen nicht möglich. Wie im echten Leben. 

Zu den Songs entstanden Essays, die der Musik zusätzliche Tiefe, Raum  und einen Rahmen geben. 

 

Ich würde mich wahnsinnig freuen,

wenn wir uns an meinem Schreibtisch treffen!  

     

Love, Katelin